Wenn SortenbetreuerInnen krumme Dinger drehen

Mehr als 90% aller Saatgutsorten sind bereits verschwunden, so heißt es im Kino-Film „UNSER SAATGUT – WIR ERNTEN, WAS WIR SÄEN“, der noch bis 28. Oktober in Freiburg läuft. Saatgut – eher klein und unscheinbar anzuschauen – aber auf dem internationalen Markt mittlerweile ein Oligopol weniger mächtiger Player. Die Vielfalt bleibt dabei auf der Strecke. Warum genau diese so wichtig ist, habe ich Iris Förster gefragt. Sie ist Geschäftsführerin von ProSpecieRara Deutschland, mit Sitz hier in Freiburg.

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Gemüsevielfalt © ProSpecieRara

ProSpecieRara – was auf den ersten Blick an ungeliebte Lateinstunden während der Schulzeit erinnert, ist eigentlich der Name der Gemeinnützigen Gesellschaft für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren in Deutschland. Grob zusammengefasst geht es hier um sogenannte alte Sorten. Genauer: alte Pflanzensorten und damit um ihr Saatgut. Unsere ersten Kulturpflanzen entstanden 8.000 bis 2.000 v. Chr., seitdem haben sich die dafür benötigten Samen – das Saatgut – ständig weiter entwickelt. Wir haben es hier also mit einem uralten Schatz zu tun, oder wie ProSpecieRara schreibt, mit: „kulturellem Erbe von unschätzbaren Wert“. ProSpecieRara nun sieht sich nicht nur als Hüter alt verstaubter Schätze, es geht auch darum, sie zu pflegen und auch für die Gegenwart und die Zukunft zur Verfügung stellen zu können.

Hybride zu Lasten der biologischen Vielfalt

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Iris Förster © ProSpecieRara

Warum ist diese alte Vielfalt so wichtig, frage ich. Es gibt doch heutzutage auch Obst und Gemüse zu kaufen. Eine simple Frage, die ein sehr großes Fass aufmachen würde, wollte man es in all seiner Tiefe ausführen, vor allem, wenn man sich mit Expertinnen wie Iris Förster unterhält, Biologin und Geschäftsführerin bei ProSpecieRara. Für den Anfang haben wir es mir – und der Textlänge meines Blogs – zuliebe also bei einem kleinen Fass für Anfänger belassen: „Im 20. Jahrhundert, vor allem nach den beiden Weltkriegen hat sich die Diversität der Sorten stark reduziert“, so Frau Förster. „Es wurden Gesetze erlassen, Sorten mussten angemeldet werden, die Menschen gärtnerten weniger selber und der erwerbsmäßige Gemüsebau ging immer mehr in Richtung weniger Arten, angepasst an den intensiven industriellen Gemüsebau.

Homogenität und Hochleistung waren das Ziel. Heißt, keine ‚krummen Dinger‘, sondern gleichzeitiges Reifen der Pflanzen, Haltbarkeit und einheitliche Formen und Größen für den Handel standen im Vordergrund. Hybridpflanzen waren die Lösung.“ Aha – was denn Hybridpflanzen seien, unterbreche ich Iris Förster. Noch ein Fass… Bei Hybriden kreuze man zwei künstlich erzeugte Inzuchtlinien, erklärt die Biologin. Heraus kommen besonders produktive Sorten. Im Gegensatz zu ursprünglichen samenfesten Sorten, die jedes Jahr neu nachgebaut werden, sind Hybride quasi eine Sackgasse. Wenn man sie nachbaut, verlieren sie ihre produktiven Eigenschaften und werden uninteressant. Je mehr Hybridsorten also zu Lasten der „alten Sorten“ entwickelt werden, desto geringer wird die biologische Vielfalt.

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Bunte Tomaten © ProSpecieRara

Intensiver im Geschmack
Vom kulturhistorischen Wert abgesehen, der verloren geht, wollte ich dennoch wissen, was genau schlimm an diesem Verlust ist: „Je größer die biologische Vielfalt ist, desto größer sind die Möglichkeiten, sich auf geographische oder klimatische Bedingungen einzustellen“, erklärt mir Frau Förster. „Monokulturen, wie sie heute überwiegend angebaut werden, sind besonders anfällig, zum Beispiel für Ungeziefer oder Krankheiten. Je größer die genetische Datenbank ist, aus der man schöpfen kann, um die Pflanzen widerstandsfähiger gegen äußere Einflüsse zu machen, desto besser. Die Gendatenbank jedoch schrumpft durch die Hybridsorten“.
Ja, es ist ein komplexes Thema und bereits nach 20 Minuten bei Frau Förster in der Kartäuserstraße raucht mein Kopf. Und ich lenke den Blick nochmal kurz auf den Verbraucher: Was hat ER von alten Sorten, neben dem Erhalt der kulturellen Vielfalt? Sind die Sorten gesünder? Doch diese beliebte Argumentationsschublade lässt sich hier nicht öffnen, denn: Gesünder seien die alten Sorten nicht unbedingt, aber oft intensiver im Geschmack – das falle beim Züchten der Hybridsorten hinten herunter.

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Vielfalt vom Setzlingsmarkt ©ProSpecieRara

ProSpecieRara Samengut und Setzlingsmarkt
Wer in Freiburg – und über den TellerRand hinaus – also alte Sorten kaufen möchte, wird in den Alnatura-Läden fündig. Dort kann man auch ProSpecieRara Samengut kaufen. Außerdem gibt es jedes Frühjahr (das nächste Mal am 4. Mai 2019) auf dem Mundenhof den Setzlingsmarkt für alte Sorten. Sogenannte SortenbetreuerInnen bauen die seltenen Sorten an und stellen sie wiederum anderen zur Verfügung. Wer die Sorten live und in Farbe in ihrer natürlichen Umgebung besuchen möchte, bevor sie auf den Tisch kommen, der kann die Schaugärten besuchen. In Freiburg ist der des UWC Robert Bosch College ganz in der Nähe, der nächste Garten ist dann zum Beispiel jener von Walburga Schillinger auf dem Höfenhof in Schiltach.

Und um den Kreis rund zu machen: Bereits der Trailer von Seed ist spannend. Gespielt wird der Film bis 28.10. im Friedrichsbau in Freiburg. UNSER SAATGUT – WIR ERNTEN, WAS WIR SÄEN

PS: Gegründet wurde ProSpecieRara vor 35 Jahren in der Schweiz. Im Ursprungsland von ProSpecieRara geht es zusätzlich auch um alte Tierrassen.

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