Hipster-Schick oder wirkungsvolle Bewegung ? Ein Interview mit Sarah Daum vom Ernährungsrat Freiburg

In Freiburg wird es künftig einen Ernährungsrat geben. Hinter dem Konzept steckt die Idee, das Ernährungssystem auf lokaler Ebene zu gestalten und lokale, nachhaltige Ernährung zu fördern. In Deutschland gibt es diese Räte bereits in Berlin und Köln. Klingt gut, dachte ich mir. Ich war aber auch skeptisch: Ist das nicht nur so ein hippes Städter-Ding? Was sagen denn die Landwirte dazu? Sitzen sie mit im Rat? Um Antworten darauf zu finden, traf ich mich mit jemandem, der sich auskennt: Mit Sarah Daum vom Ernährungsrat Freiburg und Region.

was kommt auf den Teller

© Ernährungsrat Freiburg und Umgebung

TellerRand Sarah, jeder Ernährungsrat hat ja seine eigenen Ziele und Formen. Was sind die Ziele vom Freiburger Ernährungsrat, worum geht es euch?

Sarah Unsere Vision ist, Ernährung gemeinsam zu gestalten und zwar zukunftsfähig, fair und regional. Es geht darum, als neutrale Plattform Akteur*Innen aus Land- und Ernährungswirtschaft, Zivilgesellschaft, Verwaltung und Politik an einen Tisch zu bringen. Gemeinsam soll eine zukunftsfähige Ernährungsstrategie für die Stadt und Region Freiburg entwickelt werden.

TellerRand Der partizipative Ansatz ist ein zentrales Element im Ernährungsrat. Wenn ich es richtig verstanden habe, gehen die meisten Ernährungsrat-Bewegungen aber von der Stadt aus. Wie sieht es denn mit dem Land aus? Werden die Landwirte mit eingebunden?

Sarah Ja, die Landwirte werden mit einbezogen. Dazu haben wir uns zum Beispiel Anfang Juli mit dem BLHV (Badischer Landwirtschaftlicher Hauptverband) Freiburg getroffen, um herauszufinden, wie wir gemeinsam an einem Strang ziehen können. Die Rückmeldungen waren positiv. Die Hoffnung auf Seiten der Landwirte besteht auch darin, dass wir als politisch neutrales Medium agieren können, das ihre Belange an die Stadt und Bevölkerung herantragen kann. Die Landwirte seien sonst oft eher die „Bösen“, die mit den Pestiziden die Umwelt verseuchen. Langfristig ist der Ernährungsrat natürlich auch für eine ökologische Agrarwende. Aber zunächst geht es darum, alle an einen Tisch zu bringen, Biolandwirte genauso wie konventionelle.

ernaehrungsrat

© Ernährungsrat Freiburg und Umgebung

Der Ernährungsrat soll ganz bewusst für alle da sein. Es geht um die die regionale Wertschöpfung, nicht um bio-Zertifikate – die sind ja auch gerade für kleinere Landwirte nicht einfach zu stemmen. Unsere Aufgabe sehen wir darin, Brücken zu schlagen zwischen Landwirten und Verbrauchern. Vorgeschlagen wurde zum Beispiel die Idee, ein regionales Label zu entwickeln, das Lebensmittel für den Verbraucher kennzeichnet. Auch im Sprecher*innenkreis als zentrales Organ des Ernährungsrates werden Landwirte vertreten sein.

TellerRand Das heißt, der Ernährungsrat wurde nicht als neumodische „Städter-Idee“ abgestempelt?

Sarah Im Gegenteil, für die Landwirte macht es Sinn, dass die Idee aus der Stadt kommt, denn vor allem dort hat ja auch der Trend zur Entfremdung zu den Lebensmitteln stattgefunden.

TellerRand Wie wollt ihr den ‚Otto-Normalverbraucher‘ für die Sache gewinnen, also jene Konsumenten, die nicht Überzeugungstäter der ersten Stunde sind?

Sarah Diese Leute zu erreichen, wird sicher unsere große Herausforderung. Wir möchten ja auch die erreichen, die es sich nicht leisten können, qualitativ hochwertige Lebensmittel einzukaufen oder dafür wenig sensibilisiert sind, wie man auch mit wenig Budget gut und regional kochen kann. Es besteht schon die Idee einer Markthalle, in der ausschließlich regionale Produkte zu finden sein werden. Außerdem möchten wir auf Stadt- und Quartierfeste sowie Weinfeste in der Umgebung gehen, um die Leute dort auf uns aufmerksam zu machen. Regionales Street Fod wäre z.B. auch ein interessantes Projekt um junge Menschen zu erreichen. Insgesamt geht es jetzt aber erstmal darum, eine Strategie zu entwickeln.

TellerRand Wie geht es nun weiter, was sind die nächsten Schritte?

Sarah Seit der ersten öffentlichen Informationsveranstaltung im April geht alles ganz schnell. Die Rückmeldungen sind sehr positiv, auch von der Stadt Freiburg. Martin Horn hat bereits zugesagt, die Schirmherrschaft für den Ernährungsrat zu übernehmen. Die offizielle Eröffnungsveranstaltung des Ernährungsrates findet am Samstag auf dem Agrikulturfestival statt. Und nach einer Sommerpause wird der Ernährungsrat mit Geschäftsstelle, Sprecher*Innenkreis und drei Themenkreisen dann seine reguläre Arbeit aufnehmen.

Ein Dank an Sarah, dass sie sich inmitten der Vorbereitungen zur offiziellen Eröffnung des Rates Zeit genommen hat, meinen Fragen eine Antwort zu geben. Dass der Ernährungsrat Freiburg mehr als eine „hippe Städter-Idee“ ist, kann man auch auf seiner Internetseite nachlesen. Über die Themenkreise sind alle eingeladen im Ernährungsrat mitzuwirken.
ernaehrungsrat-freiburg.de

PS: Es geht nicht nur um Stadt-Land-Pole. Auf der Internetseite des Ernährungsrates fand ich folgenden interessanten Kommentar: Auch Dörfer entwickelten sich zu „Schlafstädten, in denen der Bezug zur Landwirtschaft und zur bäuerlichen Kultur verlorene gehe“!
Tja, der Tellerrand… immer schön drüber schauen! 🙂

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